Bergischer Zahnärzteverein e. V.

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Die 70er Jahre

1970 - 1980 im Bergischen Zahnärzteverein

Dr. Albert Hennicke, Wuppertal

Zum 75jährigen Jubiläum berichtete der damalige Vorsitzende Dr. Hans Brinkmann in einer Monographie über die Geschichte des Bergischen Zahnärztevereins (BZÄV).

Wenn nun 10 Jahre danach erneut über die Arbeit des BZÄV der nur noch auf dem Gebiet der Fortbildung tätig ist, berichtet werden soll, so taucht die Frage auf, ob das schon wieder notwendig ist.

In den 70er Jahren wurde die Tätigkeit des Zahnarztes durch Weiterentwicklungen der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde so grundlegend geändert, so daß der einzelne auf Weiterbildung nicht mehr verzichten konnte. Modifikationen im Aufbau der Praxen, rationelle Arbeitsabläufe, neue Verfahren, Erweiterung der prothetischen Indikation führten zu Strukturveränderungen der zahnärztlichen Tätigkeit, die nur mit den Umwandlungen im 2. Jahrzehnt verglichen werden können.

Damals ging das Plüsch-, Kurbelstuhlzeitalter zu Ende, anstelle des Stichels trat der Schleifer; diesmal wurde auf liegende Behandlungsweise umgestellt, Ergonomie und Turbine setzten sich durch. Rationalisierung im Sprechzimmer und Labor wurde Trumpf.
Das alles wirkte sich auf die Fortbildung, somit auch auf die im Bergischen Zahnärzteverein aus. Wir waren bemüht, die Kollegen über Weiterentwicklungen und Neuerungen zu unterrichten um praxisnah zu orientieren. Hierzu stand uns ein technisch vorbildlich ausgestatteter Vortragsraum im Pharma-Forschungszentrum der Bayer AG dankenswerter Weise zur Verfügung. Eine Freude für Referenten und Zuhörer.

Seitdem wir wegen Verlegung der Geschäftsstelle einen Demonstrationsraum nicht mehr zur Verfügung hatten, führten wir Kurse und Seminare nicht mehr durch. Wir betrieben daher Basisfortbildung, durch welche zum Besuche vielfältiger Veranstaltungen in den Universitätskliniken und Fortbildungsinstituten die Kollegen animiert wurden. Einen hervorragenden Platz nahm dabei die Zusammenarbeit mit dem Karl-Häupl-Institut in Düsseldorf ein.

Durch unsere Basis-Informationen entschloß sich mancher Kollege, die Thematik zu vertiefen. Überhaupt gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Bergischen Zahnärzteverein und der Bezirksstellen-Fortbildung in Wuppertal. Das wurde verstärkt durch die Personalunion des 1. Vorsitzenden des BZÄV mit der Tätigkeit des Berufsbildungsreferenten der Bezirksstelle Bergisch Land und im Fortbildungsbeirat der Zahnärztekammer Nordrhein.

Das Unterrichtetsein des Einzelnen sollte wesentliches Kennzeichen der Basisfortbildung sein. Nicht jeder wird jede Methode in praxi anwenden. Denken wir an die unterschiedliche Einstellung zur Chirurgie, Implantologie, Gnathologie usw. Für jeden ist es aber notwendig, orientiert zu sein. denn die Medien bringen heute so viele Veröffentlichungen die in praxi abgegrenzt werden müssen, was sich schließlich auch auf die Struktur der Praxis im einzelnen auswirkt. Auch verhalten sich heute vielfach die Patienten anders als vor 10 Jahren: sie sind medienorientiert.

In den 70er Jahren ist anstelle der Allround-Praxis - die Individualpraxis, aus der Praxis der offenen Tür - die Vormerk-Bestellpraxis geworden. Diese Spezialisierung erforderte eine Bearbeitung in gezielten Vorträgen. Wir haben uns bemüht, diese in interessanter Form an die Kollegenschaft heranzubringen. Erschwert wurde das durch monatelange Vorplanung und Terminierung der Vortragsveranstaltungen.

Was früher zur Entwicklung Jahrzehnte erforderte, nimmt heute oft nur noch Jahre oder gar nur Monate in Anspruch. Ständig steht die Kollegenschaft vor neuen Situationen. Da das für alle Gebiete unseres Faches zutrifft, erfordert das eine gezielte Fortbildung.

Immer wieder gab es neue Erkenntnisse zu vermitteln. Wenn auch nicht immer alles neu war, manchmal gelegentlich alter Wein in neuen Gläsern kredenzt wurde, vieles seinen Ursprung in jahrzehntelangen Vorstufen hatte: aber immer waren neue Gedanken dabei, die sich aus den Weiterentwicklungen ergaben.

Referenten und Hörer waren "Junge und Alte".

Im BZÄV kam es so gut wie nie zu einem ernsteren Generationsproblem. Zwar wurde gelegentlich hart diskutiert, aber im allgemeinen auch die Anschauung des anderen toleriert, so daß es nie zum Bruch kam. In den Alltag berufspolitischer Auseinandersetzungen haben wir nicht eingegriffen. Wir waren immer um kollegialen Zusammenhalt bedacht, was in Exkursionen und kollegialen Zusammenkünften praktiziert wurde. Die Vox media hatte immer Stimmrecht.

Es ist heute nicht zu übersehen, was die Zukunft der pluralistischen Gesellschaft bringt. Wie bisher sollten die Fortbildungen in Eigenverantwortung durchgeführt werden. Dazu trägt eine Bibliothek im Bergischen Zimmer, das vom BZÄV unterhalten wird, bei.

Wir führten im Rahmen des BZÄV (in Zusammenarbeit mit der Zahnärztekammer) eine Fragebogenaktion über "Rationalisierung der Praxis" durch, die interessante Ergebnisse zeigte. Es antworteten 144 Kollegen (40% der Befragten), was von starkem Interesse zeugte. Die Auswertung von 12 Fragen zeigte 1972 die zahnärztliche Praxis noch als Einmannbetrieb. Jeder führte seine Praxis nach seinen Vorstellungen. Das ergab sich z. B. aus der Anzahl der Behandlungsplätze.

Arbeitsplatz Ritter (1962) BDZ (1969) BZÄV (1972)
1 Behandlungsstuhl 67,2 % 38,0 % 25,9 %
2 und mehr Stühle 32,8 % 38,0 % 74,1 %

Bei den Helferinnen ergab sich folgendes Bild:

Behandler Ritter (1962) BDZ (1969) BZÄV (1972)
mit Helferin 84,20 % 95,50 % 96,3 %
ohne Helferin 15,8 % 4,5 % 3,7 %

Die Entwicklung vom Einmannbetrieb zur personalintensiven Praxis erfolgte von den 60er Jahren ausgehend zum Team-Trend in den 70er Jahren. Der Zahnarzt ist heute ohne Helferin undenkbar, daher führten wir auch Veranstaltungen mit Helferinnenbeteiligung durch.

Ähnliche Resultate ergaben sich über die Vormerkpraxis: 1972 kamen noch 47 ohne Terminierung aus. Auch wurde eine Rationalisierung der einzelnen Maßnahmen in praxi immer dringlicher, zumal sich ab 1975 gehobenere Behandlungswünsche, besonders auf dem prothetischen Sektor, verstärkt bemerkbar machten. Das alles konnte nicht ohne Einfluß der Fortbildungsstruktur bleiben.

Durch Referate und Filme wurde das Interesse an Erster Hilfe immer wach gehalten. Unter Mitarbeit von Herrn Dr. Schara, Dr. Hennicke und Dr. Dr. Jahnke wurde eine ABC-Tafel ausgearbeitet und den Mitgliedern als Leitfaden für die Praxis übergeben.

Um aus dem Dargebotenen Rückschlüsse auf das Interesse ziehen zu können, wurden Fragebögen den Hörern ausgehändigt, die über ein Referat den subjektiven Eindruck aussagen sollten. Die meisten Beurteilungen waren positiv. Wir durften also auf der gewonnenen Linie fortfahren. Zur Resignation gab es keine Veranlassung. Jeder Hörer hatte Gelegenheit, in einer Diskussion seine Ansichten über das Vorgetragene zu äußern.

Die Vorstellungen über eine Sachlage ändern sich bekanntlich nicht nur im Laufe fortschreitenden Berufsalters, sondern auch durch die Zeitverhältnisse: über das Alte wird das Neue gefordert - bis das Neue wieder das Alte ist. Nichts wäre schlimmer als Konformatik. Deshalb haben wir im BZÄV neben der Diskussion auch der Kritik Raum gegeben. Im Gegensatz zu audiovisuellen Medien blieb bei uns der Referent ansprechbar.

Weniger Interesse fand der anonyme Kummerkasten. Die Kollegen hatten anscheinend keine Probleme - oder - sie stellten sie nicht zur Diskussion.

Wenn dabei Auffassungen über Bord geworfen werden mußten, lag das am ewigen Wechselspiel, dem die Fortbildung folgen muß.

Pantherei!

Dem Vorstand gehörten seit 1970 an:

1. Vorsitzender Dr. A. Hennicke
2. Vorsitzender Dr. Dr. K. Jahnke
Schriftführer: ZA. J. Thiele
Schatzmeister: Dr. K. Ammann
Beisitzer: ZA. Sterra
Beisitzer: Dr. Timmermann
Beisitzer: Dr. G. Rehage
Beirat: Dr. Diederichs
Beirat: ZA. Rahm
Beirat: Dr. Schollasch

Nach dem Tode des Kollegen Ammann übernahm Kollege Sterra die Kassengeschäfte. An den letzten Vorstandssitzungen nahmen die Kollegen ZA. Meschke und Dr. Uellendahl teil.

Die Arbeit des Vorstandes wurde dankenswerter Weise von den Damen der Geschäftsstelle, hier sind insbesondere Frau Korner und Frl. Peters zu nennen, sowie von einigen Damen unserer Vorstandsmitglieder, unterstützt.

Der Verein setzt sich zusammen aus:

Ehrenvorsitzender Dr. H. Brinkmann, Remscheid
Ehrenmitglied Prof. Dr. Dr. Hering, Marburg
235 Mitglieder aus Bergisch Land
13 Auswärtige Mitglieder
12 Korrespondierende Mitglieder
7 Beitragsfreie Mitglieder

Zwei Ehrenmitglieder sind verstorben. Wir trauerten um Prof. Heuser, Marburg und Dr. Ammann, Wuppertal.

In einem Gästebuch trugen sich nicht nur die Referenten sondern auch Gäste und Teilnehmer von Partnerschaftstreffen ein.

Viele Begebenheiten werden den Teilnehmern noch in lebhafter Erinnerung sein.

An den Exkursionen nach Marburg, Kassel, Annecy/St. Jorioz, Meran, Naturns und Freiburg beteiligten sich über 200 Teilnehmer Wir dürfen feststellen, daß trotz der Vielfalt der allerorts angebotenen Fortbildungsmöglichkeiten die Teilnahme an unseren Veranstaltungen rege war.

In den Jahren 1970-1976 führten wir 5 Arbeitsgemeinschaften durch, an welchen sich 124 Zahnärzte beteiligten.

Im einzelnen gliedern sich die Interessensgebiete:

Chirurgie 24
Kieferorthopädie 16
Prothetik 19
Praxisführung 6
Parodontalbehandlung 58

Den Kollegen, die sich als Vortragende, Obleute bzw. Gastgeber an den Arbeitsgemeinschaften beteiligten - wir tagten in Praxen oder Universitätskliniken - gebührt hierfür Dank. Die Teilnehmer der chirurgischen Arbeitsgruppe, unter der Leitung von Herrn Dr. Dr. Haneke, hatten Gelegenheit, in der St.-Lukas-Klinik in Solingen zu hospitieren. Den Teilnehmern wurden auf Wunsch Zertifikate ausgehändigt.
Im Laufe der Zeit führte der BZÄV mehrere hundert Vortragsveranstaltungen durch. Verdienstvollen Anteil daran hatte mein Vorgänger, Herr Dr. Hans Brinkmann, der 60 Jahre dem Bergischen Zahnärzteverein angehört und über 50 Jahre im Vorstand aktiv war.

In den 70er Jahren hatten wir allein 120 Referenten zu Gast. Anläßlich unserer Exkursionen wurde über mehr als 30 Referate referiert. An den Vortragsveranstaltungen während des Jahrzehnts nahmen über 4.500 Hörer teil. Prozentual gesehen, zu den ansprechbaren Zahnärzten im Bergischen Raum, betrug die Beteiligung ca. 27%. Das lies sich auf freiwilliger Basis ermöglichen. Möge das so bleiben!

Der Konnex zu anderen wissenschaftlichen Gesellschaften und Universitäten war gut. Aber wegen der starken Beanspruchung der Kollegenschaft wurde es immer schwieriger den einzelnen zu aktivieren an Arbeitsgemeinschaften und Gastbesuchen teilzunehmen. Ein Strukturwandel der Praxen und damit auch der Fortbildung war vor allem in der 2. Hälfte des Jahrzehnts unausweichlich.

Wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Hälfte des heutigen medizinischen Wissens vor 15 Jahren noch gar nicht bekannt war, dann zwingt das fortbildungsbewußter zu sein und sich immer wieder um den neuesten Wissensstand zu bemühen. Das gilt auch für die Zahnmedizin.

Hier drängt sich der Gedanke auf: Der Einzelne kann heute nicht mehr isoliert im Elfenbeinturm tätig sein. Neben der Berufspolitik ist eine Fort- und Weiterbildung unabdingbar.

Je eher dies erkannt wird, um so besser für die individuelle Praxisführung. Hier mögen die Ansichten eines Kollegen der ersten Generation anders sein als die eines Kollegen in der dritten Generation.

Der Vorstand des BZÄV war in 7 Jahrzehnten stets bemüht, für den Praktiker wichtiges an den Kollegen heranzubringen. Sowohl von wissenschaftlichen, wie auch von praktischen methodischen Gesichtspunkten wurden die Themen behandelt.

Die Referenten berichteten über Ergebnisse, Erfahrungen und Erfolgsaussichten, wobei auf praktische Übersetzbarkeit besonderer Wert gelegt wurde. Dankenswerter Weise bemühten sich alle Vortragenden darum.

Themen kamen und gingen. So wird es auch in Zukunft sein.

Vor der Tür 80/81 stehen nicht nur neue Medikamente, Methoden und Geräte, sondern u. a. Computer (EDV), Lasertechnik und immunbiologische Verfahren. Völliges Neuland wird wie schon oft auch in Zukunft beschritten werden.

Darüber hinaus wird der Popularisierung kariesprophylaktischer Fakten besondere Bedeutung zukommen.

Aus jahrzehntelanger Erfahrung läßt sich sagen: Die Zahnmedizin ist ständig einem Wandel unterworfen. In einer rastlosen Zeit, wie am Anfang der 80er Jahre, muß dem jeder Einzelne Rechnung tragen. Ob alle Strukturen geändert werden müssen, ob alles in kurzer Zeit notwendig, sei dahingestellt.

Die Jahre und Erfahrungen werden manches glätten.

Es steht zu hoffen, daß die Fortbildung im Bergischen Land unter diesen Gesichtspunkten auch weiterhin der Kollegenschaft, im Interesse eines schönen Berufes, nahe gebracht werden wird.

Wuppertal, den 21. März 1981

Dr. Albert Hennicke